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Dreimal
Romeo
und Julia
Romeo und
Julia
(William Shakespeare)
Romeo
und Julia auf dem Dorfe
(Gottfried Keller)
Es war die
Lerche
(Ephraim Kishon)
Shakespeare, William. *1564, † 1616; Englischer Dichter, der
bekannteste englische Dramatiker des 16. Jahrhunderts.
Keller, Gottfried, * 1819, † 1890. Schweizer Schriftsteller;
einer der großen Vertreter der realistischen Dichtung.
Kishon, Ephraim, * 23.8.1924. Israelischer Schriftsteller; karikiert
in Satiren das israelische Alltagsleben.
Zusammengestellt von Maria-Luise Doppelreiter
Romeo und
Julia
(William Shakespeare)
Englischer Originaltitel: „Romeo and Juliet“
Tragödie in fünf Akten in Vers und Prosa; Erstdruck 1597 (Quarto)
unter dem Titel „An Excellent Conceited Tragedie of Romeo and Juliet“ (Eine
vortrefflich erfundene Tragödie von Romeo und Julia).
Die Personen:
Escalus, Prinz von Verona
Graf Paris, Verwandter des Prinzen
Montague, Capulet - Häupter zweier Häuser, welche in Zwist
miteinander sind
Romeo, Montagues Sohn
Mercutio, Verwandter des Prinzen und Freund Romeos
Benvolio, Montagues Neffe und Romeos Freund
Tybalt, Neffe der Gräfin Capulet
Ein alter Mann, Capulets Oheim
Bruder Lorenzo, ein Franziskaner
Bruder Markus, von demselben Orden
Balthasar, Romeos Diener
Simson, Gregorio, Bediente Capulets
Abraham, Bedienter Montagues
Peter
Drei Musikanten
Ein Page aus Paris
Ein Offizier
Ein Apotheker
Gräfin Montague
Gräfin Capulet
Julia, Capulets Tochter
Julias Amme
Bürger von Verona: verschiedene Männer und Frauen, Verwandte
beider Häuser.
Masken, Wachen und anderes Gefolge (der Chor).
Ort der Handlung: Verona um 1600.
Der Inhalt:
Das Drama wird durch einen Chor eröffnet, der eine kurze Einführung
in das Hauptthema und die Absichten des Dichters enthält. Der gesellschaftliche
Rahmen wird umrissen, das Ende des Streites durch den Tod der Liebenden
angekündigt. Den Schluss bildet traditionell die Entschuldigung der
Schauspieler für die schlechte Qualität des Stückes.
Das Stück beginnt mit einer bewegten Straßenszene, in der
sich die Diener der verfeindeten Familien Montague und Capulet gegenüberstehen.
In der nicht immer ganz fein gewählten Sprache der Diener (in der
deutschen Übersetzung werden manche Zoten ein wenig verharmlost) äußerst
sich die Aggressivität der Kontrahenten. Der junge Tybalt aus dem
Haus Capulet zeigt offen seinen tödlichen Hass auf das gegnerische
Lager, der Raufhandel weitet sich aus. Selbst die Familienoberhäupter
können von ihren Gattinnen nur schwer zurückgehalten werden,
sie wollen mitkämpfen. Erst ein Machtwort des Fürsten, der im
Wiederholungsfall mit der Todesstrafe droht, beendet die Rauferei.
Romeo, der melancholische Sohn Montagues, ist an diesen Kontroversen
nicht interessiert. Er vergeht in seiner Liebe zu Rosalie - die Erwartungen
des Zusehers werden hier bewusst auf eine falsche Fährte gelenkt,
Rosalie wird nie auftreten. Als Romeo an einem Maskenball im Haus Capulet
teilnimmt, verliebt er sich auf den ersten Blick in Julia, die 14-jährige
Tochter des Erzfeindes seiner Familie. Julia erwidert die Zuneigung und
in der anschließenden Gartenszene bekennen sich beide zu ihrer Liebe.
Die Trennung aufgrund der Feindschaft der beiden Häuser ist für
beide fast unerträglich. Schmachtend steht Romeo im Garten und blickt
zu Julias Fenster empor, in der berühmten Balkonszene schwört
er ihr ewige Treue.
Der spontan gefasste Entschluss, zu heiraten, wird in die Tat umgesetzt.
Der Franziskanermönch Bruder Lorenzo traut die beiden Liebenden,
er und die Amme Julias sind in die Liebesbeziehung eingeweiht. Er hofft
durch die Verbindung der Kinder auf eine Versöhnung zwischen den Familien.
Doch das Schicksal schlägt grausam zu: Romeo wird Zeuge eines Kampfes
zwischen seinem Freund Mercutio und Tybalt, als er diesen beenden will,
verursacht er, in bester Absicht, die tödliche Verwundung seines Freundes.
Die Umstände zwingen ihn nun, seinen Freund durch den Mord an Tybalt
zu rächen. Der Fürst verbannt Romeo aus Verona.
Die beiden frisch verheirateten Jugendlichen verbringen eine kurze,
leidenschaftliche Hochzeitsnacht. Der Abschied ist legendär: „Es war
die Nachtigall und nicht die Lerche“, meint Julia und möchte damit
ihren Gemahl dazu bewegen, noch bei ihr zu bleiben. In der Zwischenzeit
bereitet Julias Vater (der von der Ehe mit Romeo nichts weiß) in
aller Eile die Vermählung seiner Tochter mit dem Grafen Paris vor.
Aufgrund dieses Geschehens reift in Julia ein Entschluss: sie verschafft
sich von Bruder Lorenzo ein Betäubungsmittel, das sie am Vorabend
ihrer Hochzeit mit Paris einnimmt. Dieses Mittel soll sie in einen todesähnlichen
Schlaf versetzen, aus dem sie bei der Rückkehr Romeos zu erwachen
hofft, der sie dann aus der Gruft entführen soll. Am nächsten
Morgen entdecken die Angehörigen die scheinbar tote Braut und bestatten
sie in der Familiengruft.
Ein Bote soll Romeo in Mantua von Julias Plan verständig, er wird
jedoch als pestverdächtig angehalten. In der Zwischenzeit erfährt
Romeo durch seinen Diener Balthasar vom vermeintlichen Tod Julias. Romeo
besucht in seiner Trauer einen Apotheker, kauft ein schnell wirkendes Gift
und eilt zur Gruft der Capulets. Gegen seinen Willen wird er in ein Duell
mit Paris verwickelt und tötet diesen. Romeo findet in der Gruft Julia,
die ihr Bewusstsein noch nicht wiedererlangt hat. Er küsst die Geliebte,
nimmt das Gift und stirbt, nur wenige Augenblicke, bevor Pater Lorenzo
eintritt und Julia erwacht. Als Julia ihren toten Gatten erblickt, versucht
sie verzweifelt, noch ein wenig Gift in der Flasche zu finden. Da kein
Tropfen mehr übrig ist, ergreift sie seinen Dolch und tötet sich
damit.
Die Liebe von Romeo und Julia stirbt nicht mit dem Tod, sondern erst
durch diesen wird ihre Liebe unsterblich.
Der Autor:
William Shakespeare, *1564, †1616. Englischer Dichter; Shakespeare wurde
am 23. April 1564 (St. George’s Day) als Sohn des Handwerkers und Bürgermeisters
John Shakespeare und der Gutsbesitzertochter Mary Arden. Er heiratete mit
18 Jahren die 8 Jahre ältere Anne Hathaway (*1556, †1623) und hatte
mit ihr 3 Kinder. 1592 wurde er als Schauspieler in London genannt. Um
1610 ging er nach Stratford-upon-Avon, seinen Geburtsort, zurück,
wo er sein Vermögen aus Bühnentätigkeit und Teilhaberschaft
am Globe-Theatre anlegte und bis zu seinem Tod wohnte.
In Shakespeares Schauspielen (Königsdramen, Tragödien, Komödien,
Märchenspiele) vereinen sich dichterische Einbildungskraft, Bildhaftigkeit
und Vielfalt des sprachlichen Ausdrucks, Tiefe der seelischen Erfahrung
und die Fähigkeit zu bühnengerechter Konzeption. Sie zeigen eine
unvergleichlich vielseitige Darstellungskraft, meisterhaft im tragischen
Pathos wie in grotesker Komik und in der Zeichnung der Charaktere. Shakespeare
entwickelte die Handlung nach den Notwendigkeiten der Fabel, er passte
die Sprache den Charakteren und der Situation an.
Shakespeare war ein Repräsentant der englischen Renaissance, aber
er war kein Klassiker im eigentlichen Sinn. Seine klassische Bildung („a
little Latin and less Greek“) war gering, die antike Literatur war ihm
nur durch Übersetzungen zugänglich. Dramatische Regeln und Grundsätze
wurden von ihm ignoriert. Seine Dichtung war populär, volkstümlich
in Sprache und Ausdruck. Er bevorzugte „mixed characters“, also Gestalten,
in denen Gutes und Böses, Edles und Gemeines gemischt sind wie im
täglichen Leben, keine Übermenschen. Die Unregelmäßigkeiten
seiner Dramen waren vielen seiner Zeitgenossen ein Gräuel.
Im elisabethanischen England waren Schauspieler Außenseiter der
Gesellschaft, zur Sicherung ihrer Existenz bildeten sich Schauspielergruppen,
die sich unter die Schirmherrschaft eines Adeligen begaben. Alle Rollen
wurden von Männern dargestellt. Bühne und Zuschauerraum waren
nicht getrennt, der Schauspieler konnte daher die Zuseher direkt ansprechen.
Die Bühne war von drei Seiten einsehbar, gespielt wurde am Nachmittag,
dies machte besondere Regieanweisungen für Nachszenen notwendig. Shakespeare
war Stückeschreiber, er wirkte auch selbst in seinen Dramen als Schauspieler
mit.
Seinen dichterischen Ruf begründete Shakespeare mit seinen 154
Sonetten (entstanden von 1593 bis 1598) und zwei Versepen »Venus
and Adonis« und »The Rape of Lucrece« bekannt.
Seine Berühmtheit begründet sich jedoch vor allem durch seine
dramatischen Werke.
Die chronologische Reihenfolge seiner Stücke ist umstritten. Es
ist bis heute nicht absolut sicher, ob alle ihm zugeschriebenen Werke wirklich
von ihm sind. Vielfach wurden Stücke auch ohne sein Zutun aufgeschrieben
und veröffentlicht.
Die Einteilung erfolgt meist aufgrund der Entwicklung des Dichters (Befreiung
von formalen und inhaltlichen Vorbildern, souveräner werdende Handhabung
des Blankverses, Änderung der Weltanschauung, wachsende Unabhängigkeit
von zeitgebundenen Werten und schließlich Hinwendung zu den „Urproblemen
des Menschen“).
Das dramatische Werk kann in 4 Abschnitte gegliedert werden:
1.) 1591 bis 1596 - die Periode der Experimente:
»Henry VI.« (Heinrich VI. - 3 Teile), »Richard III.«,
»Love’s Labour’s Lost« (Verlorene Liebesmüh), »The
Comedy of Errors« (Komödie der Irrungen) »The Two Gentlemen
of Verona« (Die beiden Veroneser), »A Midsummer Night’s Dream«
(Ein Sommernachtstraum), »Romeo and Juliet« (Romeo und Julia),
»King John« (König Johann), »Richard II.«,
»Richard III.«, »Titus Andronicus«;
2.) 1596 bis 1601 - die großen Komödien:
»The Merchant of Venice« (Der Kaufmann von Venedig), »The
Taming of the Shrew« (Der Widerspenstigen Zähmung), »The
Merry Wives of Windsor« (Die lustigen Weiber von Windsor), »Much
Ado about Nothing« (Viel Lärm um nichts), »As You Like
It« (Wie es euch gefällt), »Twelfth Night, or What You
Will« (Was ihr wollt), »All Is Well, That Ends Well«
(Ende gut, alles gut) »Measure For Measure« (Maß für
Maß);
Historische Stücke dieser Periode: »Henry IV.«
(Heinrich IV.), »Henry V.« (Heinrich V.);
3.) 1601–1608 - die großen Tragödien:
»Julius Caesar« (Julius Cäsar), »Hamlet«,
»Othello«, »King Lear« (König Lear), »Macbeth«,
»Antony and Cleopatra« (Antonius und Cleopatra), »Coriolanus«,
»Pericles«;
4.) 1610–1613 - Loslösen von der Wirklichkeit, Hinwendung
zum Geheimnisvoll-Märchenhaften:
»Cymbeline«, »The Winter’s Tale« (Wintermärchen),
»Tempest« (Der Sturm), »Henry VIII.« (Heinrich
VIII.).
Die erste deutsche Übersetzung von 22 Dramen Shakespeares schuf
C. M. Wieland. Als die klassische deutsche Übersetzung gelten die
Arbeiten von A. W. Schlegel, W. von Baudissin u. L. Tieck (neue Übersetzung
von E. Fried).
Meine Meinung:
Shakespeare, der bekannteste Dichter des englischsprachigen Raums hat
hier ein Drama geschaffen, das in seinem Inhalt vieles vereint: Liebe,
Spannung, Mord, Selbstmord, tragische Verknüpfung unglücklicher
Umstände, in der heutigen Zeit würde man es wohl als „Sex and
Crime“ bezeichnen.
Die Übersetzung von Schlegel ist zwar hervorragend, kann aber nicht
das Studium des Stücks in der Originalsprache ersetzen. Wenn man sich
ein wenig in das alte Englisch eingelesen hat, versteht man, warum dieses
Drama so viele Jahrhunderte überdauert hat und auch heute noch durchaus
zeitgemäß erscheint.
Immer wieder weckt Shakespeare im Zuseher - wider besseres Wissen
- die Hoffnung auf einen guten Ausgang des Stücks, doch alle Aktivitäten,
Pläne und Vorhaben scheitern an der Verkettung unglücklicher
Zufälle, so dass die Vergeblichkeit des Handelns tragisch bewusst
wird.
Shakespeare zeichnet die Charaktere sehr eindeutig. Romeo ist der weltfremde
Träumer, der sich auf Anhieb in Julia verliebt, Julia - zu Beginn
des Stückes noch ganz Kind - reift im Laufe der Handlung (die sich
nur über wenige Tage erstreckt) zur begehrenswerten jungen Frau. Der
Fürst als Vermittler zwischen den verfeindeten Familien, Bruder Lorenzo
ein gutmütiger Pater, der die Versöhnung bringen will. Erstmals
begegnet man in diesem Stück auch zwei bedeutenden Nebenfiguren, Romeos
frivolem Freund Mercutio und der geschwätzigen Amme Julias, damit
schuf er ein Gegengewicht zum tragischen Schicksal der beiden Liebenden.
Die verfeindeten Familien, die Kampfhandlungen zwischen ihren Mitgliedern,
der tragische Tod der Helden, all dies entsteht aus dem Hintergrund der
elisabethanischen Zeit. Shakespeare wollte mit seinem Stück jedoch
im Gegensatz zur damaligen poetischen Anschauung nicht das Gefühl
erwecken, dass die Helden infolge einer schuldhaften Verstrickung gestorben
sind. Vielmehr ist es seine Absicht, Bewunderung und Mitgefühl im
Publikum zu bewirken. In der Entstehungszeit des Stücks war es neu,
leidenschaftliche Liebe zweier gesellschaftlich unbedeutender junger Leute
zum Thema eines Trauerspiels zu machen. Dieser Stoff wurde damals meist
nur in Komödien dargestellt, daran knüpft Shakespeare zu Beginn
seines Stückes auch an.
Romeo und Julia - nach wie vor zieht dieses Stück unzählige
Theaterbesucher in seinen Bann, damals wie heute sind die Rollen eine Herausforderung
für jeden ernst zu nehmenden Schauspieler. Vor mehreren Jahren ist
es mir gelungen, im Royal Shakespeare Theatre in Stratford-upon-Avon einer
Aufführung dieses Werkes beizuwohnen (mit Diana Rigg, der früheren
„Emma Peel“, als Julias Amme) - ein einzigartiges Erlebnis, an das ich
immer gerne zurückdenken werde. Selbstverständlich habe ich auch
das Musical „West Side Story“ in London besucht und mir bei meinem letzten
Englandaufenthalt den Film „Shakespeare in Love“ angesehen. Dass Zeffirellis
Verfilmung (leider um 3 Uhr morgens) und Kishons Lustspiel vor kurzer Zeit
im ORF übertragen wurden, freute mich besonders.
Romeo
und Julia auf dem Dorfe
(Gottfried Keller)
Novelle; erschienen 1856. Der Text nimmt im Zyklus „Die Leute von Seldwyla“
eine Ausnahmestellung ein. Thematisch Shakespeares Drama verpflichtet,
geht das Werk auf ein tatsächliches Ereignis zurück, von dem
Keller aus der „Zürcher Freitagszeitung“ vom 3. 9. 1847 erfuhr.
In seinem Vorwort schreibt Keller: „Diese Geschichte zu erzählen
würde eine müßige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem
wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede
jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen alten Werke gebaut sind.
Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets treten sie in
neuem Gewande wieder in Erscheinung und zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten.“
Die Hauptpersonen der Handlung:
Manz und Marti, zwei Bauern aus einem Dorf bei Seldwyla
Salomon (Sali), der Sohn von Manz
Vreneli (Vrenchen), die Tochter von Marti
Der schwarze Geiger
Ort der Handlung: ein Dorf in der Nähe des fiktiven Städtchens
Seldwyla.
Der Inhalt:
Die Novelle beginnt mit einer Stimmungsschilderung. In der Nähe
des kleinen Städtchens Seldwyla pflügen an einem Septembermorgen
die beiden Bauern Manz und Marti ihre Felder. Zwischen ihren Äckern
liegt ein brachliegendes Grundstück, dessen Eigentumsrechte ungeklärt
sind. Das Feld gehört dem „schwarzen Geiger“, der aus der Gemeinde
ausgestoßen ist und seinen Besitzanspruch nicht schriftlich belegen
kann. Dem Gespräch der beiden kann man entnehmen, dass jeder von ihnen
Interesse hat, dieses Land zu besitzen. Die beiden Kinder, Vreneli (Martis
Tochter) und Sali (der Sohn von Manz), haben den Vätern mit einem
Wägelchen die Jause gebracht und spielen nun in dem verwilderten Grundstück.
Jedes Jahr pflügt jeder der beiden Bauern eine Furche mehr, sodass
das Mittelstück schmäler und schmäler wird.
Schließlich wird der Acker versteigert und Manz erhält den
Zuschlag. Er verlangt jenes dreieckige Stück Land zurück, das
Marti bei der letzten Bestellung mitgepflügt hat. Es entsteht eine
heftige Diskussion und aus den vormals befreundeten Nachbarn werden verbissene
Gegner. Die beiden Kampfhähne gehen zu Gericht und aufgrund der kostspieligen
Prozesse verlieren sie ihren gesamten Besitz. Manz zieht mit Frau und Sohn
in die Stadt, wo er in einer üblen Gegend eine verkommene Spelunke
betreibt. Seine Frau versucht, weiterhin den Schein des Reichtums zu wahren,
während der Sohn sich seiner Eltern schämt. Die Frau von Marti
ist aus Gram verstorben und Vreneli versucht, mit den geringen zur Verfügung
stehenden Mitteln, den Haushalt des Vaters weiterzuführen, der sie
in seiner Verbitterung sehr schlecht behandelt.
Als sich die beiden Väter beim Fischen treffen, kommt es auf einer
schwankenden Brücke zum offenen Kampf und nur mit Mühe gelingt
es den Kindern, die beiden Kontrahenten zu trennen. Doch dieses Aufeinandertreffen
hat die Kinder wieder zusammengeführt. Sie verabreden eine heimliche
Zusammenkunft auf den ehemaligen Feldern ihrer Väter, hier treffen
sie auch den „schwarzen Geiger“ wieder. Als Vrenelis Vater zufällig
zu einem Treffen der beiden kommt und Vrenchen misshandeln will, schlägt
ihn Sali nieder und verletzt ihn schwer. Nach langer Ohnmacht erwacht der
Vater, ist jedoch schwachsinnig. Er wird in eine Anstalt eingeliefert und
Vreneli muss ihr Heimathaus verlassen.
Noch einmal will sie mit Sali einen schönen Tag erleben. Die beiden
verkaufen ihre letzten Besitztümer und mit dem Geld aus diesem Verkauf
gehen sie in eine Gaststätte, kaufen einander kleine Geschenke und
beschließen den Tag beim Kirchweihfest. Als sie von einigen Seldwyler
Bürgern erkannt werden, fliehen sie ins Paradiesgärtlein, wo
sich das arme Volk amüsiert. Der „schwarze Geiger“ spielt auf und
lädt die beiden Jugendlichen ein, mit ihm und anderen Landstreichern
ein Leben außerhalb der bürgerlichen Konventionen zu führen.
In der Gesellschaft der Vagabunden verbringen sie die Nacht und werden
vom „schwarzen Geiger“ in einer spaßhaften Zeremonie getraut. Sali
und Vrenchen wissen nicht, wohin sie sollen - der bürgerlichen Welt
können sie nicht mehr angehören, mit den Heimatlosen wollen sie
nichts zu tun haben.
Da ihre Liebe zueinander keine Zukunft hat, beschließen sie den
gemeinsamen Freitod. Sie steigen auf ein Heuboot - zugleich Brautbett und
Todeslager - lassen sich mit diesem den Fluss hinuntertreiben und gleiten
dann eng umschlungen in die kalten Fluten.
Der Autor:
Gottfried Keller, *1819, †1890. Schweizer Schriftsteller; einer der
großen Vertreter der realistischen Dichtung.
Gottfried Keller wurde am 19. 7. 1819 in Zürich als Sohn eines
Drechslermeisters geboren. Da sein Vater früh starb, kam Keller in
die Armenschule, anschließend in die Real- und Kantonschule. Er war
ein begabter Maler, wurde in München als Landschaftsmaler ausgebildet.
Da er auf diesem Gebiet keinen Erfolg hatte, kehrte er 1842 nach Zürich
zurück. Er entdeckte seine schriftstellerische Begabung und war als
politischer Lyriker tätig. Ein Stipendium ermöglichte ihm das
Studium von Geschichte, Philosophie und Literatur in Heidelberg. Von 1850
bis 1855 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, kehrt dann wieder
nach Zürich zurück, wo er 1890 stirbt. Keller war vor allem berühmt
als Meister poetischer Naturschilderungen von beeindruckender, oft bizarrer
Schönheit.
Werke: »Der grüne Heinrich«, »Die Leute
von Seldwyla«, »Züricher Novellen«, »Martin
Salander« und andere.
Meine Meinung:
Keller ist in dieser Novelle zugleich Schriftsteller und Maler. Die
Schilderungen der Natur und der Stimmungen gleichen Gemälden. Gleichzeitig
mit der realistischen Beschreibung von Naturvorgängen sind diese eingebunden
in die inneren Zustände der handelnden Personen und das Geschehen
insgesamt. Das goldene Getreidefeld in der Anfangsszene, die Bauern, die
in entgegengesetzter Richtung pflügen, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt
noch Freunde sind, Gewitter, Blitz, Donner, schwarze Wolken, die schwankende
Brücke und der einsetzende Regen während des Kampfes zwischen
Marti und Manz - all dies sind Sinnbilder für die fortschreitende
Handlung und die sich entladenden Spannungen. Sie weisen aber auch auf
die kommende Katastrophe hin. Der „schwarze Geiger“ erscheint als Symbol
des herannahenden Unglücks und des Todes.
Diese traurige Geschichte der beiden unglücklich liebenden Kinder
zeigt die Gefahren auf, die durch Streit und Missgunst entstehen. Ein relativ
geringer Anlass - der Besitz eines kleinen Stücks Ackerlandes - stürzt
zwei Familien in den finanziellen und gesellschaftlichen Ruin und ist schlussendlich
verantwortlich für den Selbstmord der beiden Kinder.
Während Keller in anderen Werken durchaus humorvoll erzählt
(Kleider machen Leute), verbreitet diese Novelle eine äußerst
traurige, melancholische Stimmung. Von seinen Schilderungen ist man gefangen,
beeindruckt und bestürzt zugleich.
Es war die
Lerche
(Ephraim Kishon)
Ein heiteres Trauerspiel mit Musik in zwei Teilen; erschienen 1977 (Es
war die Lerche - 5 Lustspiele), Bastei Lübbe Verlag. Deutsche Bühnenfassung
von Friedrich Torberg, deutsche Songtexte von Werner Wollenberger.
Die Personen:
Romeo Montague, Ballettlehrer (49 Jahre)
Pater Lorenzo, ein Franziskaner (98)
vom gleichen Schauspieler dargestellt
Julia Montague-Capulet (43)
Lucretia, ihre und Romeos Tochter (14)
Ehemalige Amme von Julia (85)
von der gleichen Schauspielerin dargestellt
William Shakespeare, verstorbener Dichter (52)
Ort der Handlung: Verona im Jahre 1623.
Der Inhalt:
Romeo und Julia leben. Julia ist - im Gegensatz zum Drama Shakespeares
- rechtzeitig aufgewacht und die beiden sind seit fast 30 Jahren verheiratet.
Die Ehe ist nicht so glücklich geworden, wie sich die Liebenden von
Verona dies vorgestellt haben: Romeos Liebe zu Julia ist der Zuneigung
zu Lisa (seiner Wärmflasche) gewichen. Er ist ein dicklicher, fauler,
ständig nörgelnder Ehemann geworden, während Julia, an der
die Jahre auch nicht spurlos vorübergegangen sind, mit Lockenwicklern
und schlampiger Kleidung ihren Sex-Appeal geschickt versteckt.
Lucretia, die Tochter der beiden (wobei fraglich ist, ob Romeo wirklich
ihr Vater sein kann, beklagt sich doch Julia bei Pater Lorenzo, dass ihr
Angetrauter sich seit der Hochzeitsnacht nicht mehr um sie bemüht
hat), ist ein aufgeweckter Teenager, sie spielt leidenschaftlich Gitarre
und bereitet ihren Eltern so manche Sorgen.
Pater Lorenzo, vormals der Beichtvater von Romeo, ist Julias engster
Vertrauter geworden. Aufgrund seines Alters ist er geistig nicht mehr ganz
auf der Höhe und verwechselt ständig die Stücke Shakespeares,
aus denen er unpassende Zitate rezitiert. Auch wenn Romeo weder „der mit
dem Totenkopf“ (Hamlet) ist, noch „Desdemona erwürgt hat“ (Othello),
versucht er, Julia zu helfen. Leider ist es auch ihm nicht möglich,
eine Annullierung der Ehe zu veranlassen, da ehelicher Beischlaf (noch)
kein Scheidungsgrund ist (Romeo hat Julia - als Minderjährige - in
der Hochzeitsnacht verführt).
Auch die Amme ist in die Jahre gekommen. Sie hört schlecht, die
Beine wollen nicht mehr so recht und auch das Gedächtnis lässt
immer mehr nach. Seit Jahren betreut sie Julias Mutter, die Gräfin
Capulet, auf deren Vermögen Romeo schon viel zu lange wartet.
„Willi“ Shakespeare ist dem Grab entstiegen, um die Handlung seines
Stückes doch noch ins rechte Lot zu bringen. Er versucht, die beiden
Liebenden wieder zu vereinen. Den Streit, ob es die Nachtigall war oder
die Lerche, kann aber auch er nicht schlichten. Werfen ihm doch Romeo und
Julia vor, dass er seine Stücke gar nicht selbst verfasst hat! Zähneknirschend
muss er dies gestehen - der Schreiber war nicht er, sondern in Wirklichkeit
sein Doppelgänger, William Shakespeare.
Die Ereignisse spitzen sich zu: Lucretia verliebt sich in Willi, Romeo
und Julia streiten ununterbrochen. Julia zieht die Konsequenzen und will
die Scheidung. Just in diesem Moment erfährt Romeo jedoch, dass die
Schwiegermutter verstorben ist. Wenn auch Julia das Zeitliche segnet, wäre
er der Alleinerbe. Er hat sich bei der Amme Gift besorgt, welches er in
Julias Wein gießt. Auch Julia hatte denselben Gedanken: Pater Lorenzo
hatte noch ein wenig Gift aus dem Originalstück übrig und dieses
kommt in den Wein Romeos. Die beiden trinken mit Genuss, gestehen einander
dabei manche Untat und sterben selig vereint.
Shakespeare ist glücklich. Endlich kann er in sein kaltes Grab
zurückkehren und in Frieden ruhen. Es ist ihm mit List und Tücke
gelungen, das Stück doch in seinem Sinne zu Ende zu bringen. Doch
kaum hat er die Bühne verlassen, erwachen die Montagues wie durch
ein Wunder: sie haben den gegenseitigen Mord nur gespielt, um endlich Ruhe
von Shakespeare zu haben. Glücklich vereint können sie einander
(oder sich?) weiterhin lieben und miteinander weiterhin streiten - bis
dass der Tod sie scheidet!
Der Autor:
Ephraim Kishon, *23.8.1924. Israelischer Schriftsteller; karikiert in
Satiren das israelische Alltagsleben. In Budapest geboren (Geburtsname:
Ference Hoffmann), nach dem Abitur Goldschmiedlehre, studiert Metallbildhauer.
Während des Krieges gefangen in ungarischen, deutschen und russischen
Arbeitslagern.
1949 Einreise nach Israel, hier erhielt er seinen heutigen Namen. In
Israel Arbeitet er zunächst als Schlosser, Kfz-Mechaniker und Pferdeknecht.
Seit 1952 ist Kishon satirischer Kolumnist an verschiedenen Tageszeitungen,
kritisiert und karikiert in Erzählungen, Romanen, Theaterstücken
und Hörspielen besonders das israelische Alltagsleben. Seit 1996 auch
Regisseur seiner Theaterstücke.
Ehefrau Sara ("die beste Ehefrau von Allen"), zwei Söhne (Rafi,
Amir), eine Tochter (Renana). Wohnsitze in Tel Avivi (Israel) und Appenzell
(Schweiz). Erfolgreicher Billardspieler (Vize-Weltmeister). Ehrungen: drei
Golden Globes, Orden wider den tierischen Ernst.
Werke: »Drehn Sie sich um, Frau Lot« (1962), »Arche
Noah, Touristenklasse« (1963), »Kein Öl, Moses?«
(1974), »Mein Freund Jossele« (1977), »Total verkabelt«
(1989), »Ein Apfel ist an allem schuld« (1994), »Picassos
süße Rache« (1996) und andere.
Meine Meinung:
Eine Tragödie in einem Lustspiel fortzusetzen, ist ein gefährliches
Unterfangen - zu leicht kann man sich dabei lächerlich machen. Kishon
hat es in diesem Stück verstanden, mit seinem Humor und seiner Liebe
zum Detail darzustellen, was passiert, wenn ein Liebespaar in die Jahre
kommt. Als Meister pointierter Dialoge zeichnet er präzise Charaktere.
Kishon versteht es aber auch, dem Leser oder Zuseher mit diesem Stück
einen Spiegel vorzuhalten, in dem dieser das Zerrbild seiner eigenen Partnerschaft
sehen kann.
Mit seinen exakten Angaben, betreffend die Umgebung, die handelnden
Personen und die Atmosphäre, erleichtert er die Arbeit eines Regisseurs,
der dieses Stück inszenieren will. Die Übersetzung Torbergs entspricht
in jeder Beziehung dem Wesen und Anliegen des Autors.
Erst kürzlich wurde „Es war die Lerche“ im ORF ausgestrahlt. Fritz
Muliar und Elfriede Ott entsprachen vortrefflich den Vorgaben des Autors,
gaben dem Stück durch hinreißende Stegreifpointen und Situationskomik
aber auch ihre persönliche Note.
Der Satiriker Kishon zeigt hier, dass er nicht nur Erzählungen
und Romane schreiben kann, sondern auch ein vortrefflicher, spritziger
Bühnenautor ist, der den Ernst des Lebens hinter einem Lächeln
verbirgt.
Dreimal Romeo
und Julia
Romeo und Julia (William Shakespeare) - Romeo und Julia auf dem Dorfe
(Gottfried Keller) - Es war die Lerche (Ephraim Kishon): eine Tragödie,
eine Novelle und ein Lustspiel zum gleichen Thema.
Shakespeare hat den Stoff nicht selbst erfunden. Er benutzte als Quelle
wahrscheinlich Arthur Brookes „The Tragicall Historye of Romeus and Juliet“,
eine Bearbeitung von Pierre Boaistuaus „Le Novelle de Bandello“. Das Stück
wurde nicht immer in der heute bekannten Fassung gespielt. Etwa um 1660
beispielsweise wurde es stark überarbeitet und hatte - dem Zeitgeschmack
entsprechend - ein „Happy End“. In der Fassung von 1744 fehlt die Ballszene,
Romeo und Julia verlieben sich bereits zu Beginn und Julia erwacht in der
Gruft, bevor Romeo stirbt. Bei der im 18. Jahrhundert beliebten Fassung
David Garricks wechselt Romeo, der bereits das Gift genommen hat, mit der
erwachenden Julia noch einige Worte. Endgültig zum Durchbruch verhalf
dem Drama in der Originalfassung Samuel Phelps, der zwischen 1846 und 1862
mit diesem Stück große Erfolge feierte.
Im 20. Jahrhundert gehörten Beerbohm Tree, John Gielgud, Adéle
Dixon, Nell Carter und Sir Laurence Olivier zu den berühmten Schauspielern,
die tragende Rollen in „Romeo und Julia“ übernahmen.
„Romeo und Julia“ ist nach „Hamlet“ das bekannteste, beliebteste und
meistverfilmte Drama Shakespeares. Auch andere namhafte Künstler ließen
sich von diesem Stoff inspirieren. Einige Beispiele: Gottfried Kellers
Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, Peter Ustinovs Komödie „Romanoff
und Juliet“, Ephraim Kishons Lustspiel „Es war die Lerche“, Leonard Bernsteins
Musical „West Side Story“, Vincenzo Bellinis Oper „I Capuletti e i Montecchi“,
Charles Gounods Oper „Roméo et Juliette“, die dramatische Symphonie
von Hector Berlioz „Roméo et Juliette“, Peter Tschaikowskys Fantasieouvertüre
„Romeo i Dzul’etta“, Sergej Prokofjews Ballett „Romeo et Juliette“, Berühmt
auch die Verfilmungen, allen voran jene von Franco Zeffirelli aus dem Jahr
1968. Der erst vor kurzer Zeit erschienene Film „Shakespeare in Love“ befasst
sich mit der möglichen Entstehungsgeschichte des Dramas, gibt gute
Einblicke in die Theateratmosphäre der elisabethanischen Epoche und
wurde zu Recht mit Academy Awards (Oscars) überhäuft.
Dass eben dieses Thema so viele Autoren und Komponisten zu künstlerischen
Höchstleistungen angeregt hat, beweist seine starke Anziehungskraft
und seine Aktualität. Ungeklärt ist nach wie vor: war es die
Nachtigall oder die Lerche, die auf dem Granatbaum vor Julias Zimmer sang?
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