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Das technische Wissen vor der Industriellen Revolution
In der Geschichte der Menschheit hat es 2 große Technische Revolutionen
gegeben. Die erste begann mit dem Einsetzen der Landwirtschaft um 8000
v. Chr. Sie brachte uns alle grundlegenden landwirtschaftlichen Verfahren,
einschließlich der Bewässerung. Sie schuf die Textil-, Töpferei-
und Metallindustrien und die Gärungstechnik - für Brot wie für
Bier. Zu den Fortbewegungsmöglichkeiten trug sie das Segelschiff und
den Räderkarren bei, ebenso das Geschirr, vermittels dessen Tiere
zum Ziehen von Karren und Pflug eingespannt wurden. Die Spezialisierung
entwickelte sich in ihr genügend weit, um die vielfältigen Probleme
des Bergbaus und der Metallindustrie bewältigen zu können; und
sie entwickelte Formen des Arbeitseinsatzes, die den Bau der Pyramiden
erlaubten. Sie brachte die Menschheit von der Barbarei zur Zivilisation.
Aber um etwa 2500 v. Chr. kam der technische Fortschritt fast völlig
zum Erliegen; und während der nächsten 3000 Jahre kam man ziemlich
wenig weiter. Von entscheidender Bedeutung war die Kenntnis der Gewinnung
und Bearbeitung des Eisens, die etwa um 1400 v. Chr. Erworben wurde. Die
Griechen verwendeten in bescheidenem Maße tierische Energie zum Betrieb
von Maschinen. Gegen Ende der vorchristlichen Zeit wurde das Wasserrad
erfunden - aber nur zum Getreidemahlen verwendet, und auch dafür nur
in sehr geringem Ausmaß. Vom 6. Jhdt. an verbreitete sich die wasserbetriebene
Getreidemühle rasch in Westeuropa. Und vom 11. Jhdt. an wurde Wasserkraft
für eine immer größer werdende Vielfalt industrieller Verfahren
benützt: zum Walken von Tuch, zum Betreiben von Schmiedehämmern
und Blasebälgen in der Metallverarbeitung, von Sägemühlen
und Mahlsteinen, zur Zerkleinerung von Erz, Gerbrinde und anderen Stoffen,
zum Zerreiben von Farbstoffen, zum Wasserschöpfen und zur Bewässerung,
für Papiermühlen und Drehbänke. Um die Mitte des 14. Jhdt.
Konnte Wasserkraft im Grunde zum Betrieb fast jeder Maschine verwendet
werden, wenn die Arbeitslast entsprechend groß war. Die Windmühle
kam im späten 12. Jhdt. auf und wurde ebenfalls zur Gewinnung von
Energie für Verarbeitungsprozesse verwendet (allerdings weniger häufig
als Wasser).
Das antike Geschirr, das ursprünglich für Ochsen entwickelt
worden war, eignete sich schlecht für das Pferd - da es mindestens
2 Drittel von dessen Kräften vergeudete. Als ca. im 12. Jhdt. Hufeisen
dazukamen und Pferde hintereinander geschirrt werden konnten, konnte das
Pferd endlich als leistungsfähige Energiequelle in der Landwirtschaft
und zur Beförderung von Lasten eingesetzt werden.
Das Spinnrad kam im 13. Jhdt. auf - der erste Fortschritt gegenüber
der Handspindel, die gut 9000 Jahre zuvor aufgetaucht war, und ein typisches
Beispiel dafür, wie das Mittelalter Dinge, die in der Antike kaum
mehr als Werkzeuge gewesen waren, hernahm und in echte Maschinen verwandelte.
Der leichte antike Webstuhl, der nur die geringfügigsten mechanischen
Hilfsmittel aufwies, wurde in eine Maschine verwandelt, die einen handfesten
Rahmen hatte und mit Walzen, einem hängenden Webschaft (Kamm), Fächern,
die durch Tritte bewegt wurden, und anderen Vorrichtungen ausgerüstet
war.
Das Verkehrssystem, das die Beförderung dauernd zunehmender Mengen
von Rohstoffen und Fertigwaren bewältigen mußte, beruhte ebenfalls
ausschließlich auf Vervollkommungen mittelalterlicher Verfahren,
die in größerem Maßstab eingesetzt wurden. Ausfuhr und
Einfuhr erfolgten mit Schiffen, die im Grunde jenen gleich waren, die man
in den 200 Jahren nach der Erfindung des Heckruders entwickelt hatte. Gewiß
sind im 16. Und 17. Jhdt. Größenveränderungen und Verbesserungen
in der Konstruktion reichlich vorgenommen worden. Das Steuerrad wurde 1705
eingeführt. Im Inland wurden die Güter in Fahrzeugen befördert,
die durch mittelalterliche Entwicklungen des Geschirrs leistungsfähiger
gemacht worden waren, oder auf Kanälen, die dank der Erfindung der
Schleuse im 14. Jhdt. Hügel erklimmen und so fast jedes Ziel erreichen
konnten. Erst als diese Verfahren bis aufs äüßerste ausgenützt
waren, wendete sich das 19. Jhdt. der Entwicklung der Eisenbahnen und Dampfschiffe
zu.
Der Merkantilismus...
vom lat. mercatus = Handel
...ist das wirtschaftspolitische System im Zeitalter des Absolutismus
(16. - 18. Jhdt.). Der Merkantilismus schuf in Überwindung des ständischen
Feudalismus und Partikularismus des Mittelalters den einheitlichen politischen
Raum in Form des neuzeitlichen Nationalstaates.
Hauptantrieb der wirtschaftspolitischen Maßnahmen war der staatliche
Geldbedarf, der infolge der Unterhaltung der stehenden Heere und des Berufsbeamtentums
dauernd stieg und die Erschließung neuer Finanzquellen notwendig
machte. Es galt, die Staatskasse, d. h. die fürstliche Schatzkammer
(camera) zu füllen.
In der späteren Zeit lag das Schwergewicht merkantilistischer
Wirtschaftspolitik in der Förderung des Außenhandels mit dem
Ziel einer aktiven Handelsbilanz, weswegen Gewerbe, Handel und Verkehr
gefördert wurden.
Nun möchte ich kurz auf den Absolutismus - am Beispiel Frankreich
- eingehen.
Ludwig XIV. war unumschränkter Herrscher in Frankreich. Für
ihn waren die Minister, nachdem sein leitender Minister Kardinal Mazarin
gestorben war, nur noch Befehlsempfänger, die seine Anordnungen auszuführen
hatten. Der König und auch seine Untertanen waren der Überzeugung,
daß die Herrschaftsgewalt dem Herrscher unmittelbar von Gott verliehen
sei. Deshalb durfte niemand seine Entscheidung in Frage stellen; der König
konnte Gesetze erlassen, den Krieg erklären und Steuern erheben, ohne
jemandes Zustimmung einholen zu müssen. Es gab nur eine - zumindest
theoretische - Einschränkung seiner Allgewalt: durch die Generalstände.
Die Generalstände
Die Generalstände bildeten sich im Mittelalter heraus: Vertreter
des Adels, der Geistlichkeit und der Städte wurden von den Herrschern
als ratgebende Körperschaft einberufen. Sehr einflußreich
waren die Generalstände jedoch nie; seit der Mitte des 16. Jhdts.
Waren sie praktisch bedeutungslos, auch wenn theoretisch weiterhin alle
wichtigen Beschlüsse der Herrscher von dieser Körperschaft gebilligt
werden mußten.
Der Merkantilismus
Bereits vor der Industriellen Revolution versuchte man, die industrielle
Entwicklung durch staatliche Politik voranzutreiben. So setzten beispielsweise
im 18. Jhdt. die Länder des europäischen Kontinents - dagegen
weniger in England - mit dem Merkantilismus eine lange Tradition der staatlichen
Unterstützung und Förderung von bestimmten Produktionszweigen
fort. Trotz ihrer allgemeinen Zielsetzung - Schaffung strategischer
Industriezweige, Festigung der nationalen Stärke und Macht, Beseitigung
von Handelsungleichgewichten - war eine solche Politik im wesentlichen
auf die Expansion einzelner Wirtschaftssektoren und weniger auf ein allgemeines
Wirtschaftswachstum ausgerichtet. Sie spiegelte in recht deutlicher Weise
den Mangel an Kapital, Unternehmertum und technischen Fähigkeiten
wider, der das Entstehen einer modernen Großindustrie in den
traditionellen vor-industriellen Gesellschaften stark behinderte.
Wirtschaftliche Aktivitäten paßten sehr gut zur Regierungsform
des aufgeklärten Absolutismus; sie wurden von zentralisierten
autoritären Regierungen gefördert und von Berufsbeamten geleitet.
Dem autokratischen Bürgertum und der zentralen Bürokratie ging
es hauptsächlich um die Macht des Staates.
Der Beginn der Industriellen Revolution in England zeigte eindeutig
die Macht und das Potential der neuen Techniken in der strategisch wichtigen
Metallverarbeitung, der Waffen- und der Textilindustrie. Besucher vom Kontinent
strömten nach England, um zu beobachten und zu lernen. Trotz dem Bemühen
um das industrielle Wachstum war das Ausmaß der staatlichen Aktivität
und seine Wirkung auf die Industrieproduktion im allgemeinen gering. Dieser
relative Mißerfolg der merkantilistischen Industrialisierungspolitik
kann zum Teil auf die unwirtschaftliche Betriebsführung und die mangelnde
Erfahrung der neuen Unternehmungen zurückgeführt werden.
Michael Lang
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